Zigeuner, Bären und die Fasnacht Drucken

Die Bären mit den Bärentreibern gehören in Tarrenz wie in anderen Tiroler Orten zu den Attraktionen des Fasnachtsumzuges. Das Widerspiel zwischen dem Tier und seinem Bändiger, der in Tarrenz ein Zigeuner ist, läuft nach bestimmten Regeln ab. Der Bär wird an der Kette geführt und bewegt sich in tänzelndem Gang. In gewissen Abständen wird er vom Treiber in die Grenzen gewiesen. Dieses Spiel, das vor allem dem Träger der Bärenmaske großen körperlichen Einsatz abverlangt, wird oft mythologisch als Kampf zwischen Winter und Frühling gedeutet.


Dietz-Rüdiger Moser hingegen unterlegt auch diesem Fasnachtsbrauch einen religiösen Sinn. Er meint, der Bär sei ein Symbol für die Triebhaftigkeit des Menschen, die gebändigt werden müsse. Norbert Schindler zeigt in seiner Abhandlung "Karneval, Kirche und die verkehrte Welt", dass beide Deutungsversuche zu kurz greifen und an den Gegebenheiten der populären Kultur vorbeigehen. Er fragt bei seinen Überlegungen, welche Rolle der Bär früher im Alltag gespielt hat. So kommt er zu einer einleuchtenden Erklärung: Der Bär war einerseits ein gefährliches Raubtier, das in die Inseln der Zivilisation einbrach, ein Vertreter der Wildnis. Andererseits war er in seiner gezähmten Form eine beliebte Jahrmarktsattraktion, der in Ketten gelegte Tanzbär, der seine Kunststücke zum besten gab, in dem der Zuschauer menschliches Verhalten wiedererkennen konnte. Der Gegensatz zwischen zahmer, drolliger Gutmütigkeit und roher Gewalt sicherte dem Bären einen prominenten Platz in der Fasnacht. Die Männer, die Bären verkörpern, finden es reizvoll, sich mit dem Tierverhalten zu identifizieren.


In Griechenland machten die Zigeuner halt, als sie im 11. Jahrhundert Europa, von Indient über Persien kommend, erreichten. Sie lebten damals als Musikanten und Pferdehändler, dressierten Tiere, arbeiteten beim Wanderzirkus und als Schmiede. Sie machten Haushaltsgeräte, flickten Pfannen und Kessel, schliffen Messer und Scheren. In Tirol trifft man sie vereinzelt noch als Marktfahrer, Teppichhändler oder als Verkäufer geflochtener Körbe. Viele Gemeinden wiesen früher den Fahrenden außerhalb des Dorfes Weideplätze zu, dort hatten sie ihr Aufenthaltsrecht, brachten ihre Kinder zur Welt, versorgten die Tiere, wuschen ihre Habseligkeiten. Seit der strikten Durchführung der Gesetze aus dem 18. Jahrhundert, die die Kaiserin Maria Theresia gegen die Landstreicherei erließ, wurde der Bewegungsspielraum für Nomaden eng.


Bis nach dem Krieg hatten die kleinen Leute alle nicht viel. Deshalb waren Tausch und Handel meist zum gegenteiligen Nutzen. Wie in jeder Bevölkerungsgruppe gab es auch bei den Zigeunern vereinzelt kleine Betrüger und große Ganoven. Bei mancher Fasnacht erinnern Zigeunerwagen, Bären und Bärentreiber oder auch schmuckbehangene, bunt bekleidete Frauen an diese Fahrenden. Mancher sonst gutgläubiger Oberländer Kirchgänger ließ sich während des Viehmarktes von einer Zigeunerin Hand lesen und Karten legen. Roma Frauen tragen Schmuck an Nase, Stirn, Armen und Beinen, um ihre Stammeszugehörigkeit anzuzeigen. Die Exotik war eine willkommene Abwechslung, und das Auftreten der Roma war fixer Bestandteil des früheren Jahresablaufes. Das Zusammentreffen mit ihrer Kultur empfanden viele als eine Bereicherung.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 03. November 2011 um 10:04 Uhr